Siehst Du die Welt wirklich so, wie sie ist?
Stell Dir ein Paar abends auf dem Sofa vor.
Beide schweigen.
Für den einen fühlt sich diese Stille vertraut und verbunden an.
Für den anderen kalt und distanziert.
Gleicher Raum.
Gleicher Moment.
Gleiche Stille.
Und trotzdem entstehen zwei vollkommen unterschiedliche Erfahrungen.
Wie kann das sein?
Vielleicht, weil wir die Welt niemals einfach nur wahrnehmen.
Wir erleben sie immer auch durch uns selbst.
Am Anfang steht unsere Aufmerksamkeit.
Während Du diese Zeilen liest, geschieht vermutlich unendlich viel um Dich herum.
Geräusche.
Empfindungen in Deinem Körper.
Gedanken.
Farben.
Bewegungen.
Und doch wird Dir nur ein kleiner Teil davon bewusst.
Unsere Aufmerksamkeit wirkt wesentlich daran mit, was in unserem Bewusstsein in den Vordergrund tritt.
Und sie ist alles andere als zufällig.
Sie folgt Interessen.
Erfahrungen.
Identitäten.
Verletzungen.
Ängsten.
Ein ängstlicher Mensch bemerkt andere Dinge als ein neugieriger.
Ein Rennfahrer sieht auf einer Straße etwas anderes als eine Heilerin.
Und vielleicht kennst Du das Phänomen:
Du interessierst Dich plötzlich für ein bestimmtes Auto – und auf einmal scheint genau dieses Modell überall herumzufahren.
Diese Autos waren vorher schon da.
Verändert hat sich Deine Aufmerksamkeit bzw. ihr Fokus.
Doch Wahrnehmung ist erst der Anfang
Denn nachdem wir etwas wahrgenommen haben, geschieht noch viel mehr.
Wir benennen.
Wir ordnen ein.
Wir vergleichen.
Wir interpretieren.
Wir bewerten.
Wir geben Bedeutung...
Zurück zu unserem Paar auf dem Sofa.
Die Stille ist zunächst einfach Stille.
Doch daraus kann entstehen:
„Wie schön. Wir können einfach miteinander sein.“
Oder:
„Wir haben uns nichts mehr zu sagen.“
Aus demselben Moment entstehen zwei unterschiedliche subjektive Realitäten.
Denn zwischen dem, was geschieht, und dem, was wir schließlich erleben, liegen unsere persönlichen Filter.
Unsere Erfahrungen.
Unsere Erwartungen.
Unsere Überzeugungen.
Unsere Verletzungen.
Unsere Identitäten.
Sie färben unseren Blick auf die Welt – wie das Glas einer Sonnenbrille.
Unsere Filter sind nicht falsch.
Sie sind menschlich.
Ich glaube auch nicht, dass Bewusstseinsentwicklung bedeutet, irgendwann vollkommen filterfrei auf die Welt zu schauen.
Etwas anderes erscheint mir viel wesentlicher:
Zu erkennen, dass wir durch Filter schauen.
Denn solange ich meine Filter nicht erkenne, fühlt sich das, was ich durch sie sehe, einfach wie „die Wahrheit“ an.
Dann ist der andere eben rücksichtslos.
Die Situation gefährlich.
Ich selbst nicht gut genug.
Meine Beziehung gescheitert.
Die Welt ungerecht.
Und ich bemerke möglicherweise gar nicht mehr, wie viel von mir selbst bereits in dieser vermeintlichen Tatsache steckt.
Genau hier wird es spannend
Denn es ist eine Sache, intellektuell zu verstehen:
„Ja, natürlich habe ich Filter.“
Eine ganz andere ist es, sie in dem Moment zu erkennen, in dem ich gerade durch sie schaue.
Erkennst Du Deine Verletzung, während Du überzeugt bist, dass der andere das Problem ist?
Erkennst Du Deine Angst, während sie Dir erklärt, was alles schiefgehen könnte?
Erkennst Du Deine Identität, während Du denkst:
„So bin ich eben“?
Oder Deine Bewertung, während sie sich für Dich wie eine objektive Tatsache anfühlt?
Unsere inneren Prozesse gleichen manchmal einem Theaterstück.
Etwas geschieht.
Unsere Aufmerksamkeit springt darauf an.
Wir nehmen wahr, interpretieren und bewerten.
Gedanken und Gefühle entstehen.
Und schließlich reagieren wir.
Häufig bemerken wir erst ganz am Ende, dass überhaupt ein Stück gespielt wurde.
Wir sind wütend.
Ziehen uns zurück.
Greifen an.
Rechtfertigen uns.
Bewusstseinsentwicklung verändert unsere Position im Theater.
Das Stück verschwindet dadurch nicht.
Aber vielleicht sitzt Du irgendwann nicht mehr ausschließlich auf der Bühne.
Du beginnst gleichzeitig, das Stück zu sehen.
Zunächst bemerkst Du vielleicht:
„Ah. Ich habe gerade reagiert.“
Später:
„Da ist gerade Wut.“
Noch früher:
„Interessant. Ich bewerte gerade.“
Und irgendwann vielleicht sogar:
„Da ist etwas, worauf meine Aufmerksamkeit gerade anspringt.“
Was unbewusst bleibt, wirkt aus dem Hintergrund.
Was bewusst erkannt wird, kann sich verändern.
Vielleicht magst Du deshalb heute einmal nicht versuchen, Dich zu verändern.
Beobachte Dich einfach.
Worauf springt Deine Aufmerksamkeit an?
Welche Bedeutung gibst Du dem, was Du wahrnimmst?
Durch welchen Filter schaust Du gerade?
Und wenn Du möchtest, stell Dir dabei vor, Du würdest für einen Moment oben in einer Theaterloge Platz nehmen und Deinem eigenen Stück zuschauen.
Nicht um es zu bewerten.
Nicht um es zu optimieren.
Sondern einfach, um zu erkennen, was gerade in Dir wirkt.
Herzlich
Chris