Wer bist Du wirklich?
Was wäre, wenn Du auf Deinem Weg zu Dir selbst gar nicht immer mehr hinzufügen müsstest?
Mehr Wissen.
Mehr Achtsamkeit.
Mehr spirituelle Praxis.
Mehr Entwicklung.
Wir sind es gewohnt, Entwicklung so zu verstehen: Wir lernen etwas dazu, erwerben neue Fähigkeiten und werden dadurch zu jemandem, der wir vorher noch nicht waren.
Bei Bewusstseinsentwicklung glaube ich inzwischen fast an das Gegenteil.
Vielleicht müssen wir auf dem Weg zu uns selbst weniger lernen – und viel mehr verlernen.
Denn was wäre, wenn das, was Du in Deiner Tiefe bist, gar keiner Entwicklung bedarf?
Was wäre, wenn „Dein“ Bewusstsein heute genauso vollständig wäre wie am Tag Deiner Geburt?
Und was wäre, wenn es nicht einmal „Dein“ und „mein“ Bewusstsein gäbe – sondern einfach nur Bewusstsein?
Bewusstsein ist fĂĽr mich fundamental.
Grundlegend.
Der Urgrund bzw. die Essenz von allem.
Deine wahre Natur.
Und Du kannst Deine wahre Natur nicht optimieren.
Es ist nicht etwas, das wir besitzen.
Nicht etwas, das irgendwann fertig entwickelt sein wird.
Es IST.
Vollständig. Ganz. Gegenwärtig.
Und wenn etwas bereits ganz ist, muss es nicht entwickelt werden.
Was sich entwickeln kann, ist vielmehr unsere Fähigkeit, dieses Bewusstsein zu erkennen, uns ihm zu öffnen und es durch unser Menschsein zum Ausdruck zu bringen.
Genau deshalb gefällt mir ein Bild besonders gut.
Stell Dir einen weiten Himmel vor
Manchmal ist der Himmel vollkommen klar.
Manchmal ziehen ein paar Wolken vorbei.
Und manchmal ist die Wolkendecke so dicht, dass wir den Himmel überhaupt nicht mehr sehen können.
Doch ist er deshalb verschwunden?
Nein.
Der Himmel ist immer noch da.
FĂĽr mich ist Bewusstsein wie dieser Himmel.
Und unsere Gedanken, Gefühle, Überzeugungen, Ängste, Verletzungen, Rollen und Geschichten sind wie die Wolken, die darin auftauchen.
Manche ziehen schnell vorbei.
Andere begleiten uns ĂĽber Jahre.
Und manche sind schon so lange da, dass wir irgendwann vergessen haben, dass sie ĂĽberhaupt Wolken sind.
Wir beginnen, sie fĂĽr den Himmel zu halten.
Aus „Ich erlebe“ wird „Ich bin“.
Vielleicht kennst Du das aus Deinem Alltag.
Du erlebst Traurigkeit und sagst:
„Ich bin traurig.“
Du ĂĽbst viele Jahre einen Beruf aus und irgendwann wird daraus:
„Ich bin Elektriker.“
Du bekommst eine Diagnose und vielleicht entsteht daraus:
„Ich bin bipolar gestört.“
Wir machen das ständig.
Aus einem Gefühl, einer Erfahrung, einer Rolle oder einer Geschichte wird etwas, das wir für unser „Ich“ halten.
Aus „Ich erlebe etwas“ wird „Ich bin das“.
Und genau hier entsteht Identifikation.
Das Problem ist dabei nicht, dass wir Rollen haben, Gefühle erleben oder Geschichten über uns erzählen.
Sie gehören zu unserem Menschsein.
Spannend wird es dort, wo wir vergessen, dass sie nicht alles sind, was wir sind.
Denn jedes „Ich bin das“ enthält möglicherweise auch ein:
„Alles andere bin ich nicht.“
Und damit werden unsere inneren Möglichkeitsräume enger.
Wenn ich glaube, immer stark sein zu mĂĽssen, wird Verletzlichkeit schwierig.
Wenn ich mich vollständig über meinen Beruf definiere, kann nicht nur mein Arbeitsplatz, sondern ein Teil meines Selbstbildes zusammenbrechen, wenn dieser Beruf wegfällt.
Wenn ich überzeugt bin: „So bin ich eben“, nehme ich vielleicht Möglichkeiten meines Seins gar nicht mehr wahr, die außerhalb dieser Identität liegen.
Vielleicht bedeutet Freiheit deshalb etwas anderes
Vielleicht bedeutet Freiheit nicht, alles tun zu können.
Sondern immer weniger durch das begrenzt zu sein, was wir irrtĂĽmlich fĂĽr uns selbst halten.
Bewusstseinsentwicklung fĂĽgt dem Himmel dann nichts hinzu.
Sie macht ihn nicht größer.
Nicht vollständiger.
Nicht besser.
Sie lässt uns vielmehr erkennen, was ihn verdeckt.
Und vielleicht entsteht dadurch nach und nach etwas sehr Einfaches:
Wir haben weiterhin Gedanken – aber wir sind nicht unsere Gedanken.
Wir erleben Gefühle – aber wir sind nicht unsere Gefühle.
Wir leben Rollen und Identitäten – ohne uns vollständig mit ihnen zu verwechseln.
Die Wolken dĂĽrfen weiterhin durch den Himmel ziehen.
Aber wir erinnern uns daran, dass wir der Himmel sind.
Vielleicht liegt genau darin fĂĽr mich eine der tiefsten Bewegungen von Bewusstseinsentwicklung:
Nicht immer mehr zu werden.
Sondern immer vollständiger zu erkennen und zu leben, was wir bereits sind.
Und vielleicht magst Du heute einmal mit einer Frage durch Deinen Tag gehen:
Was von dem,
was ich für „mich“ halte, bin wirklich ich –
und was habe ich nur sehr lange dafĂĽr gehalten?
Herzlich,
Chris